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Donnerstag, 10. April 2003

Interview mit Sam Schatteman
Präsident des EU-Konvents junger Bürgerinnen und Bürger


Sam ist drei Tage lang stark in Anspruch genommen worden. Seine herausragende Stellung als Präsident des Konventes brachte viel Stress, wenig Schlaf und eine Vielzahl von Verhandlungen mit sich, denn alle wollten ja gehört und berücksichtigt werden. Wer aber ist dieser Sam überhaupt, den viele nur als Präsidenten des Kongresses kennen gelernt haben? Wenige Minuten nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung nahm sich Sam einige Minuten Zeit für die Fragen des Doku-Teams.

Doku-Team: Wie fühlst du dich so kurz nach Ende des Europakonvents?

Sam: Extrem erschöpft, aber ganz zufrieden. Gestern war eigentlich der schwierigste Tag und auch der mit Abstand anstrengendste (im Plenum, Anm. der Red.). Es gab mehrer Momente in denen ich mich fragte "wird es klappen oder nicht?" und das bedeutete ständigen Stress. Aber wenn man dann am Ende ein mehr oder weniger befriedigendes Papier vorlegen kann, dann stimmt das sehr zufrieden.

Doku-Team: Als Präsident musstest Du viel vermitteln und Dich in Deiner Position behaupten. Konntest Du trotzdem auch ganz "normal" junge Menschen erleben und kennen lernen?

Sam: Ich glaube schon, auch wenn es schwierig war. Bei so vielen Leuten kann man nicht zu jedem intensiven Kontakt haben. Aber zum Beispiel in der Arbeitsgruppe waren wir ja nur 20 Leute. Wir hatten ziemlich harte Diskussionen und gerade durch diese Diskussionen ließ sich auch viel Persönliches erkennen. Ich glaube auch einige aus dieser Gruppe irgendwann mal wieder zu sehen. Abgesehen davon habe ich aber auch durch meine Arbeit als Konvents-Präsident viele Leute kennen gelernt die mit mir im Präsidium waren. Diese gemeinsame Arbeit im erweiterten Präsidium hat uns gewaltig zusammen geschweißt. Es war wie ein Wettkampf zwischen uns und dem Plenum. Wir arbeiteten zwar an einer gemeinsamen Sache, aber das Präsidium ist gewählt worden, um die Debatte zu führen und dafür Sorge zu tragen, dass am Ende auch etwas vorliegt.

Doku-Team: Hat es denn im erweiterten Präsidium einmal unterschiedliche Meinungen oder gar Streitigkeiten gegeben, in denen Du als Präsident Dich dann durchsetzen musstest?

Sam: Ich kann mich eigentlich nicht an Streitigkeiten im Präsidium selbst erinnern. Unsere Arbeit war ja hauptsächlich technischer Art. Wir mussten keine eigenen inhaltlichen Vorschläge entwickeln. So hätten wir uns nur über organisatorische Fragen streiten können.

Doku-Team: Einmal zu Dir selber gefragt: Bist Du zum Konvent gefahren mit dem Gedanken im Kopf dabei eine führende Rolle zu spielen?

Sam: Als ich vor einigen Monaten von der Veranstaltung erfuhr dachte ich: Gut! Der EU-Konvent ist ein interessantes Thema, die Veranstaltung ist in Berlin und sie ist auf deutsch. Ich habe schon an vielen internationalen Veranstaltungen teilgenommen, die immer auf englisch gewesen waren. Auch wegen der Sprache dachte ich, es könnte interessant für mich werden.

Es lag nicht in meiner Absicht diese oder jene "führende Rolle" zu übernehmen, weil ich vorher gar nicht wusste, dass es so etwas wie einen Präsidenten gebe würde. Aber dann gab es in der Arbeitsgruppe Leute, die mich für die Arbeit im erweiterten Präsidium vorgeschlagen haben. Als das dann gut lief und ich auch gebeten wurde für das Amt des Präsidenten zu kandidieren, habe ich mich - wie wir in Belgien sagen - aus sportlichem Ehrgeiz zur Wahl gestellt. Wir sollten eine kleine Rede halten; meine hat angeblich etliche Leute angesprochen und so bin ich eher zufällig in dieser Position gelandet.

Doku-Team: Was studierst Du?

Sam: Ich habe Geschichte und Volkswirtschaftslehre studiert, aber jetzt mache ich eine so genannte zusätzliche Ausbildung in slawischen Sprachen.

Doku-Team: Wenn man die gestrige Plenar-Debatte verfolgt hat, dann sind zunächst die großen Schwierigkeiten aufgefallen, den Abstimmungsprozess zu organisieren. Es gab einen Tiefpunkt gegen elf Uhr, als die Sitzung für fast eine Stunde unterbrochen werden musste. Hast Du zu diesem Zeitpunkt gezweifelt, dass ein gemeinsamen Papier noch zustande kommen könnte?

Sam: Das Präsidium hätte tatsächlich versagt, wäre es so weitergegangen wie zu diesem Zeitpunkt. Das war wirklich ein Moment der Angst! Aber wir haben uns dann mit dem Präsidium zurückgezogen, ein neues Verfahren entwickelt und es dem Plenum vorgeschlagen. Es gab zwar immer noch einige Kinderkrankheiten, aber im Grunde haben wir die Sache dann sehr konsequent durchgezogen und es hat dann auch geklappt.

Doku-Team: Ihr habt den Diskussions- und Abstimmungsprozess stark verkürzt. Das führte einerseits dazu, dass es endlich vorwärts ging und Änderungsanträge besprochen werden konnten, andererseits gab es im Plenum immer wieder Unmut über die Kürze der Aussprachen...

Sam: Das stimmt. Aber nachdem es Kritik am Verfahren gab, habe ich ausdrücklich darüber gesprochen und dem Plenum mitgeteilt: Es gibt eine deutliche Beziehung zwischen Demokratie und Effizienz und beide stehen zuweilen diametral zueinander. Hier haben auch wir nach einem Gleichgewicht gesucht. Einerseits wollten sich alle Leute beteiligen und andererseits mussten wir zu einem Ergebnis kommen. Das ist vielleicht zu autoritär erschienen, weil nicht jeder immer die Chance hatte, sich an einer Aussprache zu beteiligen und wir uns sehr beschränken mussten. Es hat mir wirklich sehr leid getan, dass wir dieses Verfahren durchziehen mussten und trotzdem glaube ich, dass es uns gelungen ist beide Seiten miteinander zu verbinden. Wenn wir es nicht geschafft hätten, dann wäre der ganze Aufwand umsonst gewesen und das wäre noch viel schlechter als die Bedenken, die Einige zu Recht geäußert haben.

Doku-Team: Am Schluss hat ein Drittel der Anwesenden seine Zustimmung zu der Vorlage verweigert. Worauf führst du das zurück?

Sam: Wenn zum Beispiel nur 51 Prozent der Teilnehmer für die Vorlage gestimmt hätten, dann würde ich das auch für problematisch halten. Aber in einer Demokratie kann man mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit eine Verfassung ändern und diese Mehrheit haben wir bekommen. Deshalb sage ich: Das Papier ist demokratisch vollkommen legitimiert.

Doku-Team: Hast Du später noch einmal mit Leuten gesprochen, die das Papier abgelehnt haben?

Sam: Ja, mit einigen !

Doku-Team: Hat man Dich kritisiert?

Sam: Naja, fast. Einige Leute sind in den Pausen immer wieder auf mich zugekommen. Es wurde sogar vorgeschlagen, über bereits abgeschlossene Passagen nochmalig abstimmen zu lassen. Das waren besonders Leute aus Ost-Europa. Die waren nicht einverstanden mit einigen Positionen unseres Papiers und meinten, einige Positionen wären nur auf Grund des Verfahrens zustande gekommen. Es hätte mehr Zeit zur Aussprache gebraucht und so hätten sie sich nicht ausreichend einbringen können. Das ging natürlich nicht, weil wir sonst gleich noch mal über alles hätten abstimmen können und wenn das Ergebnis nicht gefällt, dann eben noch einmal. Das wurde mir dann fast persönlich Übel genommen. Aber am Ende ist niemand ganz persönlich geworden. Die Leute haben schon verstanden, dass ich eine gewisse Rolle zu erfüllen hatte. Man hat sozusagen die doppelte Bedeutung meiner Person anerkannt. Ich habe auch meine private Meinung, aber in der Veranstaltung musste ich das Verfahren garantieren.

Doku-Team: Ich hoffe Du warst trotz aller Anstrengung und Auseinandersetzung gerne in Berlin.

Sam: Oh ja, Berlin hat mir sehr gut gefallen. Ich überlege sogar, im Spätsommer vorübergehend umzusiedeln und zumindest für ein Jahr die Stadt kennen zu lernen. Ich war schon einige Male in Berlin und...wir werden sehn!

Interview von Adrian Gabriel


Letzte Aktualisierung: 24.05.2005
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